Bericht über das 14. Symposium Kulturpflanzen- und Nutztiervielfalt

Als Gastgeber begrüßt Gunter Backes, Professor am Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften der Uni Kassel rund 50 Teilnehmende.

Viel Aufmerksamkeit für Biologische Vielfalt in den Medien gab es durch den im April 2019 erschienenen Bericht des sog.  Weltbiodiversitätsrats (IPBES) zum aktuellen und bis 2050 prognostizierten Zustand der biologischen Vielfalt und der Ökosystemleistungen, erläuterte Mariam Akhtar-Schuster von der deutschen IPBES-Koordinierungsstelle. Ökosystemleistungen gelten als Beiträge der Natur für die Menschen. Die zahlenmäßig belegten globalen Einzelergebnisse zeigen: Der „Stoff des Lebens“ ist gefährlich abgewetzt und ausgefranst. Die Ursachen sind ähnlich wie die der Klimaerwärmung. Anders als beim Weltklimarat IPCC haben indigene Gemeinschaften offiziell einen Status als Stakeholder, und so können deren Konzepte, z.B. „Mutter Erde“ und „Geschenk der Natur“, in der Biodiversitätsarbeit der Vereinten Nationen berücksichtigt werden. Auch künftig ist Expertenbeteiligung an den IPBES-Berichten möglich.

Eva Gelinsky, Interessengemeinschaft Gentechnikfreie Saatgutarbeit, berichtete über neue gentechnische Verfahren, darunter CRISPR-Cas. Damit können Gene an- oder ausgeschaltet, in ihrer Wirkung verändert, entfernt, anders abgelesen oder neu ins Erbgut eingefügt werden. Unerwartete Nebenwirkungen sind bereits eingetreten, werden aber sehr wenig beforscht. Die üblichen Patentrechte machen die Neue Gentechnik nicht „demokratischer“, wie behauptet wird. Nachweisverfahren sind nicht etwa unmöglich, sondern müssen entwickelt werden. Während vereinzelt Chancen für den Bioanbau erhofft werden, schließt der Internationale Dachverband der Ökolandbaubewegungen (IFOAM)  neue Gentechniken aus. Die Züchtungsindustrie übt großen Druck auf nationale und internationale Politik und Verwaltung aus, daher ist Aufklärung dringend nötig. Unabhängige Risikobewertung, Regulierung und Kennzeichnung der neuen Verfahren sind notwendig, um Wahlfreiheit sicherzustellen.  Verstärkte biologische Pflanzen- und Tierzüchtung, agrarökologische Forschung könnten realistische Alternativen bieten, dazu müsste allerdings der Schwerpunkt der Forschungsfinanzierung geändert werden.

Im Rahmen eines Projekts der Bayrischen Landesanstalt für Landwirtschaft sichtet Klaus Fleissner über 800 Genbankakzessionen landwirtschaftlicher Kulturarten aus Bayern, vor allem auf Ertragspotenzial; die Einschränkungen der Düngeverordnung könnten das Interesse an alten Sorten weiter steigern. Er stellte auch die bayrische Züchtungsgeschichte sowie aktuelle Untersuchungen zur Weizensensitivität vor und forderte zum Mitmachen bei seiner Schatzbewahrer-Initiative auf.

Hans-Joachim Bannier erläuterte seine Erfahrungen mit der Vermarktung von Apfelsortenvielfalt im Obstarboretum Olderdissen. Der Hofladen neben dem Arboretum ist einmal wöchentlich geöffnet.  Zur Selbstbedienung gibt es eine „Obsthaltestelle“, ergänzt durch Fallobst lesen, aber nicht selbstpflücken. Pflücktermine und Lagerhaltbarkeit müssen abgestimmt sein. Erntekosten sind hoch, die Früchte werden jeweils nach Größe und Qualität sortiert. Über einen Emailverteiler kann Wissen vermittelt werden, so dass die Kunden in Bioläden beginnen alte Sorten nachzufragen. Sie erleben Spass am Apfelessen. Anders als bei modernen Sorten kann bei den vitaleren alten Sorten auf im Bioanbau erlaubte Fungizide verzichtet werden, da sie Nützlingen schadet. Blatt- und Blutläuse sind daher kein Problem. Vielfalt im Anbau bietet die Chance, Frostschäden durch verschiedene Blühzeitpunkte zu verringern. Dem Vakuum bei ökologischer Apfelzüchtung begegnet die Initiative Apfel:gut. Leider wird klassische Züchtung kaum finanziert.

Der Züchter Sebastian Vornhecke gehört zur Fachgruppe Möhre des Kultursaat e.V. Bei den 100-120 Tage- Möhren sind die Zuchtziele Laubgesundheit, sowie Form und Schalenfarbe. Außerdem soll die Pflanze robust gegenüber Krankheiten und Schädlingen sein und harmonisches ausgeglichenes Wachstum zeigen. Der Geschmack wird in einer geraspelten Mischprobe bonitiert: Süße, Dauerhaftigkeit und Richtung des Aromas, z.B.  frische Haselnuss, werden bestimmt. Wesentlich mehr als beim Wein beeinflussen Böden den Möhrengeschmack. Die Teilnehmenden konnten neben Möhren auch Steckrüben verkosten Kultursaat arbeitet an einer Reihe von Gemüsearten. Bei vielen Kulturen ist die Vermehrung nicht einfach, das kann auch ein Grund für den Verlust samenfester Sorten sein. In den 1980er Jahre gab es zwar kaum biologisches Saatgut, aber es war samenfest. In den letzten drei Jahrzehnten kamen fast nur Hybride neu auf den Markt. Kultursaat wertet Genbankmaterial wie auch Sorten von Erhalterorganisationen aus. Vor allem bei Kohl waren kaum noch samenfeste Sorten auf dem Markt. Die CMS-Hybridtechnik ermöglicht Kopierschutz durch Pollensterilität. Auch der Bioanbau nutzt Hybride. Ältere Hybridsorten waren meist besser, weil die Unterschiede zwischen den Zuchtlinien größer waren. Heute sind wegen des „Züchtungsfortschritts“ – aus einer neu gezüchteten Sorte wird die nächste entwickelt- die Sorten einander zu ähnlich. Zum Video

Christine Nagel von Bingenheimer Saatgut erläutert die Aktivitäten der Kultursaat. 2004-06 wurde die Erhaltungssortenbank mithilfe der GLS Bank eingerichtet. Die Kultursaat liess Tomaten, Salat, Bohnen, Paprika und Aubergine beiseite, weil Erhalternetzwerke eine sehr breite Vielfalt dieser Arten bearbeiten. Die BLE förderte 2007-09 ein Projekt über Kohlrabi, Möhre und Porree, an dem auch Züchter in Niederlanden und der Schweiz teilnahmen. 2008-11 förderte die Software AG Blumenkohl, Feldsalat, Knollensellerie, Zwiebel und Spinat. 2011-14 kamen Fenchel, Radicchio und Zucchini in einem BLE-Projekt hinzu. Inzwischen wurden viele Sorten für die Saatgut-Vermarktung zugelassen. Im Großhandel kann das Gemüse kaum abgesetzt werden. Der Markt ist bei manchen nur saisonal verfügbaren Arten, z.B. Grünkohl, rückläufig. Erfahrung und Wissen bei den Kunden geht verloren. Für die Vermehrungsgärtner ist die Erhaltungszüchtung eine kaum leistbare Zusatzaufgabe.

Frank Schmitt ist als Kneipp Gesundheitstrainer spezialisiert auf Heilkräuter. Er stellt eine Reihe von Heilpflanzen mit deren Wirkungen vor, u.a. Gänseblümchen, Löwenzahn, Schöllkraut, Brennessel, Gänsefingerkraut, Erdbeerfingerkraut, Labkraut. Die Wirkung liegt, anders als bei Medikamenten, oft in der Vorbeugung. Abwechslung und Vielfalt ist auch bei Heilkräutern angesagt. Die Dosis macht das Gift, schrieb schon Paracelsus im 15. Jahrhundert. Auf nicht kontaminierte Sammelstellen ist zu achten; auch Ende November konnte Frank zum Vortrag frisch gesammelte Heilkräuter mitbringen.

Christoph Hahn, Grünkohlzüchter an der Uni Oldenburg, stellt Geschichte, Botanik, Kultur, Feldversuche über die Abwehr von Fraßfeinden, und die Verbreitung der Sortenvielfalt vor. In Ostfriesland gibt es etwa 100 Landsorten. Kale im englischen Sprachraum und italienischer Grünkohl bilden eigene Sortengruppen. Es wird an einer Oldenburger Palme gezüchtet. Die Oldenburg Touristik engagiert sich mit einer Grünkohlakademie samt Grünkohldiplom und bietet eine Produktserie aus Pralinen, Tee, Brot, Pesto, und Palmenbräu an.

Stephan Hahn stärkt die Archäobotanik im Freilichtmuseum Lindlar. Träger ist der Landschaftsverband Rheinland, ein kommunaler Zusammenschluss in NRW  mit sozialen, kulturellen und umweltbezogenen Einrichtungen. Gemeinsam mit der Bergischen Gartenarche und etwa 500 Paten  werden ca 250 Familiensorten erhalten. Ein Förderverein unterstützt ein entsprechendes Schulgartenprojekt. Auch eine Herberge und eine Kita werden in die Bildungsarbeit involviert. Die historische Kulturlandschaft mit Weiden und Gehölzhecken, Obstwiesen und Bachläufen zu renaturieren ist ein Ziel. In Kooperation mit der Uni Bonn werden traditionelle Konzepte zur Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit ausgewertet.

 

Kurzvorstellungen von Organisationen und Projekten

Die Organisation Hortus Officinarum stellt Nora Hils vor. Fünf Betriebe in Deutschland und der Schweiz vermehren Heilpflanzen, inzwischen 75 Arten, teils auch mit gemeinsam gesetzten Züchtungszielen.

Patrick Kaiser stellt das Genbänkle vor. Es vernetzt die aktiven schwäbischen Erhaltungsinitiativen; auch ein Bürgergarten in Nürtingen und Schaubeete (Mainau, Tübingen) gehören dazu. 230 regionale Sorten werden in der gemeinsamen Datenbank aufgeführt; außerdem wird bei der Landespolitik für landwirtschaftliche Vielfalt geworben.

Erik  und Max Schink berichteten, dass das  Lebensgut Cobstädt in Thüringen  Baumpflanzungen und -schnitt mit einem umfassenden ökologischen und sozialen Konzept für die Region anbietet.

Die AktionAgrar macht derzeit eine Kampagne zum Thema Saatgut, berichteten Leonie Steinherr und Sabine Klug.

Die Kampagne gegen Gene Drives stellte Selina Tenzer von Save our Seeds vor.

Zum Abschluß des Symposiums führte Cathrin Merx die Teilnehmenden durch das Tropengewächshaus.

AnhangGröße
Akhtar-Schuster IPBES.pdf4.1 MB
GenschereEvaGelinskyIGSaatgut.pdf4.28 MB
WildkräuterFrankSchmittFreieSaaten.pdf3.14 MB
ApfelsortenvielfaltHJBannierObstarboretumBielefeld.pdf5.68 MB
Getreidevielfalt Fleissner LfLBayern.pdf4.63 MB
HortusOfficinarumNoraHils.pdf2.17 MB
Projekte der Vielfalt im LVR-Freilichtmuseum Lindlar.pdf10.9 MB
GrünkohlChristophHahnUniOldenburg.pdf13.91 MB